Kommuniqué Karawane für Wasser und Leben

An den Ejército Zapatista de Liberación Nacional – EZL
An den Congreso Nacional Indígena – CNI
An den Indigenen Regierungsrat – CIG
An die Comisión Sexta Zapatista des EZLN
An das rebellische Europa
An diejenigen, die die Erklärung für das Leben unterzeichnet haben
An die Pueblos, die kämpfen und widerstehen

Die Karawane für das Wasser und das Leben – für unsere verehrte Madre Tierra, die Mutter Erde – beendet heute ihre Rundreise im zapatistischen Gebiet von Cuentepec, in Morelos. Während der 34 Tage haben wir unsere Schwestern, Brüder, Schwestern-Brüder der Pueblos Tutunaku, Nahua, Otomí (Ñhöñhö), Mazateco, Triqui, Zapoteco, Binizaa, Matlatzinca, Nuntaj iyi und Ayuujk besucht – für die Wasser und Land ehrwürdig sind. Sie geben ihr Leben, um das zu verteidigen oder wiederzuerlangen, was ihnen gehört. Wir haben uns mit Compañer@s aus Deutschland, Frankreich, Griechenland, Portugal, Guatemala, Chile, Spanien, den Niederlanden, der Schweiz, Australien und Großbritannien verbunden und organisiert, welche ebenfalls in ihren Gebieten kämpfen und widerstehen – und die Losung ausgaben, die Karawane und die Kämpfe, die sie zusammen bilden, zu begleiten.

Wir waren Zeuginnen, wie das Gesetz der Pueblos – nicht mit der Natur zu streiten sondern sie zu reproduzieren – erfüllt wurde: Als die Pueblos Nahuas das Bonafont-Danone-Werk dicht gemacht und in das [Haus der Pueblos] Altepelmecalli verwandelt hatten, kehrte das Wasser in seine Flussläufe und in die Brunnen zurück. Der Staudamm von Santiago Mexquititlán hat [jetzt] wieder Wasser, nachdem der Pueblo Otomí das Wasserreservoir von Barrio Cuarto übernahm. Dort weigert sich die CONAGUA, die Rechte für die Wasserversorgung und -kontrolle abzutreten. Die Müllhalde von Tehuacán hat aufgehört weiter anzuwachsen, nachdem sie durch den Pueblo von Santa María Coapan geschlossen wurde. In der Sierra Norte von Puebla wurden fünf Bergbau-Konzessionen aufgehoben und zwei Staudamm-Wasserkraftwerke verhindert. Die Verkäuferinnen der UPVA 28 de octubre (1) erhalten – dank ihres Widerstands – ihren [öffentlichen] Arbeitsraum aufrecht. Der Ort, an dem der Verräter der Pueblos, Adelfo Regino Monte, Empörung und Ärgernis erzeugte – das INPI [Nationales Institut der Pueblos Indígenas] – wurde von der Comunidad Otomí, Anwohner*innen in Mexiko-Stadt, besetzt und in die Casa de los Pueblos y Comunidades Indígenas (2) »Samir Flores Soberanes« umgewandelt. Von dort aus wird gekämpft, Widerstand geleistet und sich mit den Pueblos organisiert.

Die Pueblos haben die Karawane in ihren Asambleas, ihren Versammlungen empfangen; wir gingen mit ihnen, wir vereinigten unsere Stimmen, wir stärkten uns gegenseitig. Nach diesen Jahren der Pandemie zogen wir als Karawane los, um uns zu treffen, die Schmerzen der Pueblos kennenzulernen – die dieselben sind wie die unseren: Verachtung, Repression, Beraubung und Ausbeutung. Sie sind die Formen, in der sich der Krieg, den der Kapitalismus weltweit aufzwingt, manifestiert. Wir gingen los, uns in anderen Geographien, in anderer Wut und anderen Rebellionen zu suchen – denn wir sind uns bewusst, dass wir nur im Zusammenschluss der Pueblos die notwendige Kraft besitzen werden, dieses verbrecherische System zu besiegen.

Auf ihrem Weg säte die Karawane für das Wasser und das Leben Saatkörner des Widerstands aus. Wie eine Welle der Rebellion nährte sie das Land; und wir sahen den würdigen Kampf der Pueblos – die sich dem Vergessen, Vergessen werden widersetzen – erblühen.

Wir überschritten die uns aufgezwungenen Grenzen, wir durchbrachen die Umzingelungen, wir taten uns zusammen und verflochten unsere Kämpfe. Wir machten die Fressgier des Kapitalismus und seine unzähligen Bezeichnungen offensichtlich: Bergbau, Wasserausbeutung, Immobilienunternehmen, Gentrifizierung, Kontaminierung der Böden, der Luft, der Flüsse und Meere, Raub von Ländereien, Mega-Projekte, Morde an Umweltaktivist*innen, Einknastungen, Verschwunden machen, Drogenhandel, Paramilitarismus, Kauf/ Käuflichkeit von Bewusstsein und Gewissen, Spaltung der Pueblos, Kommerzialisierung des Lebens [Leben als Ware], Prekarisierung von Arbeit, Einheit von organisierten und autorisierten Verbrechen, Privatisierung der Bildung, Feminizide, Repression: Gewalt in all ihren Formen.

Wir machten ebenso den Staat als treuen Diener des Kapitals augenscheinlich – der seinen gesamten Repressionapparat nutzt – gegen diejenigen, die wir für das Leben kämpfen: Um die Pueblos Nahuas von Altepelmecalli zu räumen, um die Compañer@s, die ihre Arbeitsquelle in Libres Oriental verteidigen, mit Repression zu überziehen; um unsere feministischen Compañeras des [besetzten Hauses] Okupa Cuba zu verprügeln und einzusperren; um unsere Compañeros Fidencio Aldama, Fredy García, Marcelino Ruíz Gómez, Abraham López Montejo, Germán López Montejo und die sieben politischen Gefangenen von Eloxochitlán weiterhin in Haft zu halten; um unsere Compañer@s Otomíes, Anwohnerinnen von Mexiko-Stadt, ihrer Arbeitsräume zu berauben; um die zu denunzieren und zu verfolgen, die für eine würdige Unterkunft kämpfen; um Journalistinnen, die die Wahrheit verteidigen, zu bedrohen und zu ermorden, um Umweltaktivistinnen verächtlich zu machen und zu diffamieren; um den befreiten Raum des [besetzten Hauses] Okupa Chiapaz zu drangsalieren; um Straffreiheit für die Morde an Bety Cariño, Samir Flores und Meztli Sarabia zu begehen; um den ungerechten Strafprozess gegen Miguel López Vega (weil er den Metlapanapa-Fluss verteidigte) weiter offen zu halten; um das Verschwunden machen von Sergio Rivera Hernández – Verteidiger des Wassers in Coyomeapan – und des Doktors Ernesto Sernas García – Anwalt der Organisation Sol Rojo – auszuführen; um die Studentinnen der öffentlichen Universitäten, die sich organisieren, um den Bildungsbereich zu verteidigen, zu verfolgen; um den Städten – mittels der Immobilienunternehmen – die Gentrifizierung aufzuzwingen; um die Feuchtgebiete von Xochimilco zu zerstören; um ganze Gemeinden zu vertreiben und sie an Bergbaugesellschaften und Drogenhändler zu übergeben; um zu versuchen, die ländlichen Normal-Schulen (3) verschwinden zu lassen; um die Wahrheit und Gerechtigkeit für unsere 43 zu verbergen – und dass wir seitdem rufen: »Lebend habt Ihr sie uns genommen, lebend wollen wir sie zurück« (4). Wir haben die [staatlichen] Institutionen CONAGUA, SERAMAT (5) und INPI augenscheinlich gemacht: Sie übergeben, privatisieren, machen Geschäfte mit Ressourcen und Ländereien, indem sie – unter vielen anderen mehr – Großunternehmen wie Danone, Volkswagen, Audi, Nestlé, Constellation Brands, Coca-Cola, Gold Corp., Black Rock privilegieren.

Die Karawane hat uns auch erlaubt, unsere Widersprüche als Individuen und als Organisationen zu sehen und wahrzunehmen: die kapitalistischen Praktiken, die wir reproduzieren und die wir nur in Kollektivität demontieren können, das System, das in unseren Körpern wohnt und sich in unserem Handeln und in unseren Worten manifestiert. Um Konsumismus, Patriarchat, Machismus, Misogynie, Kolonialismus, Rassismus und Klassismus abzuschaffen, ist es notwendig, es in uns zu erkennen, es zu äußern und Alternativen zu errichten.

Heute, wo die Karawane an ihren letzten Zwischenhalt gelangt und wir uns fragen: »Was folgt?« – so wie die EZLN es tat und der Congreso Nacional Indígena am 25. Jahrestag (seiner Gründung, am 12. Oktober 2021) es machte – antworten wir aus unseren Räumen, Formen und Zeiten heraus: Wir werden weiter fortfahren, Prozesse der Autonomie zu schaffen und die Selbstbestimmung und die Beziehungen zwischen den Pueblos zu stärken. Wir werden den Widerstand fortsetzen, indem wir die Zukunft unserer Gebiete in die [eigenen] Hände nehmen.

Wir erahnen nun einen gemeinsamen Horizont der Rebellion, des Widerstands und der Organisierung, um fortzufahren mit dem großen Netzwerk, welches aus dem Congreso Nacional Indígena heraus geknüpft wird – in Verteidigung des Lebens. Jetzt, gestärkt durch die Teilnahme von Organisationen und Kollektiven, die wir besucht und durch mexikoweite und internationale Bündnisse, die wir geschaffen haben – haben wir nun die Gewissheit: Wenn sie einen anrühren, werden wir alle wirklich darauf antworten. Es bedeutet kein leeres Gerede sondern eine Warnung an die schlechten Regierungen, dass – wenn sie einen von uns angreifen wollen – es nach und nach keine vereinzelten, isolierten Kampf mehr geben wird. Wir wissen, wie groß die Anstrengung war, um diese Karawane durchzuführen. Wir wissen auch, dass ein Tag in den Gebieten nicht ausreichend ist, um ihre Kämpfe zu verstehen. Denn unsere Geschwister leisten Tag und Nacht Widerstand, um die Zerstörung ihrer Gebiete zu stoppen – und um wirklich von den Kämpfen zu lernen, gibt es keine bessere Form als es selbst zu (er)leben, den Körper und die Hände einzusetzen, um Kräfte zusammenzubringen und sich im Tun zu solidarisieren.

Wir sind uns bewusst, dass nach diesem langen Weg durch neun Bundesstaaten sich die gesammelten Erfahrungen und Wissen in konkrete Aktionen materialisieren müssen – die den Comunidades möglich machen, weiter voranschreiten zu können. Deshalb schlagen wir als Karawane für das Wasser und das Leben und gegen die kapitalistische Beraubung – dem Congreso Nacional Indígena (CNI), dem Indigenen Regierungsrat (CIG), dem Ejército Zapatista de Liberación Nacional (EZLN), den Pueblos, die kämpfen und widerstehen – die Schaffung von autonomen kleinen Schulen innerhalb der Gebiete, die dem CNI zugehörig sind, vor. Autonome kleine Schulen – Escuelitas – in denen Compañeras und Compañeros aus Mexiko und der Welt eine Zeitlang unsere Comunidades besuchen und den Alltag mit den Pueblos teilen können. Mit dem Ziel, das kennenzulernen, wofür wir kämpfen, und dass es nun – unter anderen – die Pueblos Nahuas, Ñhöñhö, Mazateco, Zapoteco, Triqui, Binizaa, Matlatzinca, Nuntaj iyi und Ayuujk sein werden, die die Teilnehmenden fragen werden: »Und du, was?« Wir schlagen vor, diesen Anstoß in unseren Gebieten zu diskutieren und zu bewerteten – und am 12. Oktober diesen Jahres die Antwort darauf bekannt machen zu können. Falls er angenommen wird, werden wir dann mit den organisatorischen Arbeiten beginnen, um [die autonome Escuelita] Wirklichkeit werden zu lassen.

Zum Schluss feiern und unterstützen wir als Karawane den großen Schritt, den heute unsere Geschwister von Cuentepec mit der Ausarbeitung des Dekrets gegen den Bergbau im Bundesstaat Morelos getan haben. Es bedeutet einen großen Schritt, nicht nur für die Pueblos Nahuas sondern für alle Pueblos originarios (6), die wir für Autonomie kämpfen. Heute ist ein historischer Tag für alle. Heute haben die Pueblos einmal mehr entschieden, ihr Recht auszuüben, sich selbst zu regieren.

Cuantepec, 24. April 2022.

Unser Kampf ist und wird weiter für das Leben sein.
Niemals mehr eine Welt ohne die Pueblos.

Nachschrift: Die Zukunft der Pueblos liegt nicht in den internationalen Konventionen; sie liegt in den Pueblos, die für Autonomie und Selbstbestimmung kämpfen. Sie liegt in den Comunidades, den Gemeinschaften, die mit Freiheit leben und träumen und das Leben wieder aufbauen – und nicht in Opportunisten, die die Stimme der Pueblos vereinnahmen, ersetzen und vom Kampf profitieren, damit das System weiterbesteht. Die Gegenwart der Pueblos originarios ist Widerstand und Rebellion.

Für die vollständige Rekonstituierung unserer Pueblos.
Zapata lebt – Der Kampf geht weiter.
Samir lebt – Der Kampf geht weiter.
Es lebe der CNI.
Es lebe der CIG.
Es lebe die EZLN.
Lebend habt Ihr sie uns genommen, lebend wollen wir sie zurück.
Es leben die Pueblos, die kämpfen und widerstehen.
Es leben die Frauen, die kämpfen, sich organisieren und widerstehen.


Anmerkungen der_die Übersetzer_in:

(1) Vereinigung der Verkäuferinnen und ambulanten Händlerinnen im Bundesstaat Puebla
(2) wörtlich: »Haus der Indigenen Pueblos und Gemeinschaften«
(3) Selbstverwaltete Ausbildungsorte, wo Studentinnen aus nichtwohlhabenden Familien eine Lehrerinnen-Ausbildung machen können
(4) die 43 – im September 2016 – verschwunden gemachten Normalistas von Ayotzinapa
(5) CONAGUA (Nationale Kommission für Wasser): staatliches Wasser-Unternehmen; SERAMAT (Sekretariat für Umwelt und Natur-Ressourcen): Umweltministerium
(6) Verbleibt im Original, da es eine Selbstbezeichnung ist; wörtlich: »originäre/ ursprüngliche Völker/ Bevölkerungen«